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Sex im Altenheim (aus der Praxis eines Altenpflegers)

Bild: CC0

Sex im Altenheim – der oft verschwiegene Alltag in Seniorenheimen

„Oh ja, da gibt es ältere Menschen die noch sexuelle Fantasien haben. Zum einen ist es gar nicht so selten, dass beim Waschen oder der Pflege dem älteren Herren sein Glied steif wird. Fast jede Altenpflegerin und Altenpfleger reagieren in diesem Momenten hilflos! Dann wären da noch die älteren Frauen, bei denen sich einer amerikanischen Studie zufolge bei jeder Zweiten über 60 noch sexuelle Fantasien im Kopf abspielen.“

Inzwischen gibt es aber (Gott sei dank!!) Pflegeheime, wo man dieses Thema seit Jahren ernst nimmt. Dort hatte man zuerst damit begonnen, dass die Trennung von Männer und Frauenstationen aufgehoben wurde. Dadurch entstanden dann immer wieder schöne Kontakte. Und, wenn gewünscht, können die verliebten Turteltäubchen ein gemeinsames Zimmer beziehen.(also nicht nur für bewusste Stunden:-) Und diese Zimmer werden vom Personal nicht einfach unangemeldet betreten!!

„Dann gibt es noch viele Ideen,wie sich sowas bewerkstelligen lässt. Zum Beispiel mit Schildern, wie sie in den Hotels üblich sind: „Bitte nicht stören“. Denn mit der verriegelten Tür ist es so eine Sache, denn -sollte mal irgendwas schiefgehen, dann trägt die Leitung des Heimes die Verantwortung.

Dies gilt besonders bei Paaren, die sich erst im Heim kennen lernten und hinter welchen je andere Angehörige stehen , die Klage einreichen könnten.

„Aber solche Heime, in welchen der Mensch ein Mensch mit all seinen Bedürfnissen bleiben darf, auch wenn er noch so viel Pflege braucht , sind leider immer noch zu selten. Und ist es nicht so, dass sehr oft die Kinder und sonstigen Angehörigen das größte Hindernis darstellen? Eben diese jungen Leute, die meinen, dass im Alter mit der verschrumpelten Haut auch das Herz und die Seele und das Verlangen nach dem anderen Geschlecht verschrumpelt. Die Angehörigen haben auch oft Angst um das Erbe. Da inzwischen Eheschließungen im hohen Alter nicht mehr so selten sind, könnte man seinen Erbteil verlieren.“

Der Skandal ist perfekt

Opa onaniert im Altenheim. Was Pflegekräfte nicht selten zu sehen bekommen, ist für Kinder und Angehörige oft ein Schock. Demenzkranke Patienten suchen ebenfalls Nähe und Sexualität.

Tabu
Bild: pixabay

Selbstbefriedigung oder hektisches Nesteln an der Hose wegen Harndrangs? – Pfleger und Angehörige von Demenzkranken stellt die Interpretation sexueller Verhaltensweisen oft vor schwierige Situationen. „Unsere Bewohner bleiben trotz ihrer Krankheit Männer und Frauen“, sagt Heidi Maier, Leiterin der Spezialeinrichtung „Domizil für Menschen mit Demenz“ in Neutann bei Ravensburg. „Sie wünschen sich Liebe, Trost und natürlich auch körperliche Nähe. Das Emotionale bleibt bis zum Schluss“.

Mit der Sexualität demenzkranker Menschen sei dabei keineswegs nur Geschlechtsverkehr gemeint. „Unsere Bewohner schäkern gern, machen einander Komplimente, laufen schon mal händchenhaltend oder gehen in der Hollywoodschaukel im Aufenthaltsraum auf Tuchfühlung.“

Für Pflegekräfte ist es oft ein Problem, die Balance zwischen Nähe und Distanz zu finden.

Leitlinien zum Umgang mit den sexuellen Bedürfnissen Demenzkranker gibt es in den bundesweit mehr als 10.000 Pflegeheimen so gut wie nicht.
Spontane Busengrabscher, obszöne Bemerkungen, Selbstbefriedigung in der Öffentlichkeit, ein Klaps auf den Po des Pflegers: An die Stelle von kognitiven
Verarbeitungsmustern treten bei Demenzkranken verstärkt sinnliche und emotionale Ausdrucks- und Erlebnisfähigkeiten, lautet die wissenschaftliche Erklärung. „Die anerzogenen Knigge-Regeln fallen in der Demenz weg“, sagt Maier.

Nach Ansicht der Heimleiterin sind neben Fall- und Teambesprechungen Gelassenheit und ein spielerischer Umgang die „beste Medizin“, um als Pflegekraft mit brisanten Situationen umzugehen. Sätze wie „Na Kindchen, du hast aber nicht viel Oberweite abgekriegt“ oder „Da wird man doch mehr sehen dürfen“, begegne man am besten mit Geduld oder mit einem humorvollen: „Aber doch nicht bei der Arbeit!“

Gerade für Angehörige sei es oft schwierig, das Thema Sexualität in der Pflege anzusprechen, sagt Maier. „Da werden Bedürfnisse oder Verhaltensauffälligkeiten negiert, verschwiegen oder verniedlicht.“ Besonders schwer tun sich die Kinder von Erkrankten. Als ein Bewohner regelmäßig im Speisesaal onanierte, wurde dies auf eine Lebensmittelallergie zurückgeführt. Äußerungen wie „Das ist nicht die Art meiner Mutter“ zeugten von der Hilflosigkeit Angehöriger im Umgang mit den enthemmten sexuellen Verhaltensweisen ihrer Eltern.

Die Bereitstellung eines Einzel- oder Doppelzimmers als Rückzugsmöglichkeit für die Bewohner oder das Aufhängen eines Türschilds mit der Aufschrift „Bitte nicht stören“ sind laut Maier Möglichkeiten, auf die Bedürfnisse der Bewohner einzugehen – in Absprache mit den gesetzlichen Betreuern. „Krankheit, Alter und damit verbunden Sex, das sind nach wie vor Tabuthemen“, kritisiert Stephan Vogt, Vorsitzender des Vereins Familiengesundheit 21 und Leiter der Ehrenamtlichen Demenz-Hilfe Memmingen Unterallgäu. Altenheime werden von Angehörigen und Pflegenden meist als asexuelle Zone wahrgenommen.

„Zärtlichkeit, Berührung und Geborgenheit spielen jedoch für das Erleben der eigenen Vitalität eine zentrale Rolle.“

„Es kommt vor, dass nach jahrelanger Abstinenz bei Demenzkranken das Sexualverhalten neu aufflammt“, sagt Vogt. Doch nicht immer geht es um ein Zuviel. Genauso gut könne es sein, dass der Verlust des sexuellen Interesses oder die mangelnde Körperhygiene des Erkrankten zu Problemen in der Beziehung mit dem gesunden Partner führe. Nach Überzeugung von Helga Schneider-Schelte von der Deutschen Alzheimer Gesellschaft gehört der Umgang mit dem Bereich Sexualität und Demenz unbedingt in den Ausbildungskatalog der Gesundheits- und Pflegeberufe. „Denn in der Pflege berühren die sexuellen Bedürfnisse der Demenzkranken oft eigene Wertmaßstäbe“, sagt sie. Durch Fallbesprechungen im Team könnten zudem vorschnelle Urteile bewusstgemacht werden. „Eine Hand in der Hose bedeutet nicht zwangsläufig sexuelles Verlangen“, gibt sie zu bedenken. (Quelle: hanna-eder.de)

Doch was ist zu tun wenn die „Haut hungert“?

Wenn die sexuellen Bedürfnisse und der Bedarf an körperlichem Kontakt der Bewohner von Pflegeheimen nicht befriedigt werden, kann es geschehen, dass die daraus folgende Unruhe und Einsamkeit eine weitere Ursache für Depressionen sein kann. Weil auch ältere Menschen das Bedürfnis haben, ihre Sexualität auszuleben. Dies sagt die Krankenschwester und Sexualwissenschaftlerin Marianne Egense, die Pflegeheimpersonale zur Sexualität von Senioren unterrichtet. „Man soll nicht den Bedarf der älteren Menschen schmälern, da diese „verwelken“ wenn sie keine Berührung oder engen Kontakt zu anderen Menschen haben“.  Pflegeheimpersonale können nicht die Nähe geben, wie ein Ehepartner. Daher wird die fehlende Berührung zum „Hauthunger“, ein Ausdruck, der gebraucht wird bei Vermissen von Berührung und körperlichem Kontakt und wenn Menschen dadurch einsam und traurig werden.

Senioren in Pflegeheimen sind besonders anfällig für „Hauthunger“, weil sie häufig nach dem Tod des Ehepartner alleine bleiben. (Quelle: Nynne Bojsen Faartoft)

Sexualität besteht bis wir sterben

Untersuchungen zeigen, dass bei den meisten Menschen die Lust auf Sex niemals verschwindet. Aber im Alter ändert sich unsere Sexualität und je älter wir werden desto wichtiger wird Nähe, Berührung und Intimität. Geschlechtsverkehr und Orgasmus wird dabei nicht notwendigerweise festgestellt.

„Wenn man 86 Jahre alt ist, ist es nicht der Geschlechtsverkehr, der wichtig ist. Dies ist vielmehr Nähe und Berührung: Liegen aneinandergeschmiegt und austauschen von Küssen“, führt Marianne Egense aus und ergänzt, dass ein Teil des sexuellen Bedürfnisses durch Ganzkörpermassage und einfache Berührung im Alltag befriedigt werden kann. Und sonst helfen tatsächlich Dildos, Plastikscheiden oder Pornos.

Der Schlußsatz könnte lauten: „Liebe hat kein Alter – die Sexualität auch nicht“

Litareaturempfehlung:

Nynne Bojsen Faartoft – veröffentlicht in Ældre Sagen NU Dänemark, August 2010

(Quelle: Sexualität im Alter, Autor. Michael Leisering aus dem Dänischen übersetzt)

Textquellen auszugsweise: Wikipedia/focus.de/netdoctor.at/med1.de/stern.de/hanna-eder.de/pflegemarkt.com/webmd.com/medicinenet.com/helpguide.org/healthycanadians.gc.ca/http://healthycanadians.gc.ca/seniorplant.org/globalaging.org/

Der Artikel vom 28.Oktober 2014 wurde aktualisiert

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Autorenteam Sonja und Harry Bode